Eröffnungsrede Gerhard Engelmayer

Meine Damen und Herren

Ich begrüße Sie zum 1. Humanistischen Kongress in Österreich sehr herzlich.

Ich begrüße die Vortragenden, aber insbesonders die Gäste und Experten aus dem Ausland, die einen weiten Weg auf sich genommen haben, den Vorsitzenden der Humanistischen Vereinigung Bayern, Herrn Michael Bauer, der ja auch gleichzeitig Vizepräsident der EHF ist, der European Humanistischen Föderation (unsere Dachorganisation) ist und Ulrike von Chossy, beide aus Nürnberg, Mina Ahadi von den ExMuslimen Deutschland und Stefan Paintner von der Säkularen Flüchtlingshilfe aus Köln und Herrn Prof. Heinzlmaier, der aber nur ein halber Deutscher ist, weil er aus Wien ist und auch in Hamburg lebt und arbeitet. Entschuldigen muss ich den Präsidenten der Europäischen Humanistischen Föderation, Herrn Giulio Ercolessi, der wegen eines Trauerfalles in seiner Familie nicht kommen kann. In diesem Moment denke ich auch an unseren verstorbenen Freund und Mentor, Hrn. Prof. Franz M. Wuketits, der vor 1 ½ Jahren von uns gegangen ist und den wir noch immer sehr vermissen.  (Ich bitte Sie um eine Minute des Gedenkens)

Zu Dank verpflichtet sind wir dem emeritierten Univ. Prof. Herrn Alt-Dekan Peter Kampits,  der die Patronanz über die Veranstaltung übernommen hat. Er kann heute leider nicht kommen, aus gesundheitlichen Gründen, er hat uns ein Video von seiner Eröffnungsrede geschickt. Das wollen wir uns jetzt ansehen und Prof. Kampits wird auch die Eröffnung vornehmen.

Video ca 10 min.

Vielen Dank, Prof. Kampits!

Ich bedanke mich bei Ihnen, werte Mitglieder und Gäste, dass sie am Vorabend des 1. Adventsonntags dennoch den Weg hierher gefunden haben, wir werden uns auch um ein wenig Feierlichkeit bemühen, aber Adventkranz, das mögen Sie uns verzeihen, haben wir weggelassen.

Wir haben viele Anliegen, die wir hier ansprechen wollen, von denen man sagt, sie seinen berechtigt, aber undurchführbar. Daher ja!,  das ist ja gerade die Herausforderung, Humanismus in Österreich Wirklichkeit werden zu lassen. In letzter Zeit scheinen  undurchführbare Vorhaben sogar Saison zu haben, der Fachterminus lautet „das sei politisch nicht durchsetzbar“.

Was wollen wir heute hier mit dem Kongress erreichen?

Wir wollen ein thinktank für Humanismus sein und wir wollen ein Ansprechpartner für Humanismus sein. Wir wollen die säkular-humanistischen Menschen und deren Anliegen in diesem Land vertreten. Es ist das eine Haltung, die sehr viele Österreicher teilen, ohne dass sie es wissen, weil es dafür noch kein Bewusstsein gibt. Das wollen wir ändern. 

                         Aus: https://theconversation.com/religious-decline-was-the-key-to-economic-development-in-the-20th-century-100279

Wir gehören zu den 10 ATHEISTISCHSTEN Ländern der Welt, tun aber so als wären wir noch in den 50er Jahren, als die Religion einen hohen Stellenwert hatte. Religion hat eine überbordende Wichtigkeit in allen Medien.  Unlängst wurde sogar berichtet, dass der Papst im Aufzug stecken geblieben ist.

Säkularität ist eine unabdingbare Voraussetzung, eine Frage einer hochstehenden politischen Kultur, aber nicht-religiösen Menschen in der Politik tun alles, um nur ja nicht an die Kirche anzustreifen, um nur ja keine religiösen  Gefühle zu verletzen oder sie lassen sich sogar anbeten oder wie sagt man da? – be-beten? Das geht gar nicht. 

Was wir die Politik fragen, und das ist eine strategische Frage, die klar beantwortet werden muss, ist folgende: Wo wollen wir in diesem Raster stehen? Wollen wir tatsächlich einen säkularen Staat, wie er immer wieder in der Presse beschworen wird, – nochmals: das ist die Voraussetzung für gesellschaftliche und wirtschaftliche Fortschritte, dann hat das ganz konkrete Konsequenzen. Das ist die Aufwertung der Humanistischen Werte gegenüber den religiösen und die Förderung des Individuums statt des Kollektivs. Ende mit dem Quatsch von den „christlich-jüdischen Werten“. Christliche Werte: Keuschheit, Armut, Beständigkeit und Demut. Klartext: Kritisches Denken, Rationale Finanzpolitik, Rechtssicherheit, wenig Toleranz gegenüber undemokratischen und atavistischen Religionsvorstellungen, Humanität gegenüber den Flüchtlingen, aber wir verteidigen die Religionsfreiheit, auch die Freiheit von Religion.

Wie sieht es mit der Bildung aus?

Bei uns ist es üblich, dass die Kinder zuerst Metaphysik lernen,  bevor sie wissen, was Physik ist. Ich bin der Meinung, dass die Kinder zuerst die Evolution lernen sollen und dann erst Märchen über die Entstehung der Welt.  Wir untersuchen die Anzahl von explodierenden Ameisenarten, aber welche Schäden die Religion in unserer Gesellschaft hinterlässt, ist nicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen jemals gewesen. Der Einwand, die Religion tut doch nur Gutes, kommt auch schon sehr selten. In Wahrheit  liegt dieser Schaden in einem unbezifferbar hohen Bereich, weil es ein gesellschaftlicher Schaden ist, der oft auch in psychische und physische Krankheiten mündet.

Der Humanismus ist der Gegenentwurf zu Religion a la Christentum und Islam: Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung, Fehler statt Sünden, Transparenz statt Heimlichkeit, Solidarität statt Stammesgesellschaft, politische Nähe zu Demokraten statt zu Autoritären und Mächtigen, Anerkennung des Individuums statt eine Herde von Hammeln anzuhimmeln, Realitätssinn statt theologische Saltos,  Anerkennung von Wissenschaft statt Wahrheitsbesitz, Bildungsfreundlichkeit statt  –feindlichkeit, Körperfreundlichkeit statt -feindlichkeit, Gleichberechtigung der Geschlechter etc.etc.

Ein Drittel der Menschen in Österreich glauben an eine höhere Macht. Sie sind anfällig für autoritäre Einstellungen. Was das politisch bedeutet, das wird uns gerade in Polen vorgeführt.

45 % der Bevölkerung in Österreich  glaubt an Vorbestimmung unter dem Titel „Wenn der Herrgott net wül, …!“ – eine wichtige Voraussetzung von Führbarkeit und Unterwürfigkeit.

Was sind heute unsere konkreten Anliegen?

Wir wollen definitiv nicht gegen Religion kämpfen oder sie gar abschaffen, das ist ein törichtes Ziel. Wir sind auch nicht in der Mission. Zum Atheismus kommt man durch eigene intellektuelle Anstrengungen.  Es geht um die Emanzipation von Humanisten, die in Österreich ein Schattendasein führen. Obwohl rund die Hälfte der Menschen Österreich sich nicht mehr als religiös sehen, also potenziell säkulare Humanisten sind, deren Weltbild auf zeitgemäßen Fundamenten ruht,  -Bild – gibt es keine Vertretung für diese Menschen in politischen Zirkeln und Parteien, die die Interessen dieser Menschen nachdrücklich vertreten können. Aber das haben wir uns vorgenommen.

Was wollen wir also? Zunächst einmal wie seit zweihundert Jahren : Aufklärung! Aufklärung ist ein stetiger Prozess. Es gilt aufzuklären, dass die Bevorzugung von Religion automatisch alle Religionen in eine bevorzugte Stellung bringt, auch solche, die unserer Demokratie kritisch bis feindlich gegenüberstehen. Es gilt aufzuklären, welche Rolle die Kirche und Religion im staatlichen Bereich spielt. Was hat die Kirche in der Medizin zu suchen? Oder gar in der Gerichtsbarkeit? In meinen Augen wäre es ein Qualitätskriterium Nr. 1, wenn ein Richter keine Religion hat und keiner Partei angehört.

In Schulen, wo es gilt, aufzuklären, dass der Religionsunterricht ein Pakt zwischen Staat und Kirche ist, der unzeitgemäß ist. Darauf kommen wir auch noch zu sprechen.

Es gilt über alles aufzuklären, wovor die Menschen Angst haben, um die Angst zu besiegen, denn Angst lähmt das Denken. Andererseits ist ein angstfreies Leben der Komfort Nr. 1 eines aufgeklärten Menschen.

Demokratie ist auf dem Prinzip des informierten und gebildeten Menschen aufgebaut. Wir müssen aufklären, dass in unserer säkularen Gesellschaft die Freiheit davon abhängt, dass alle gebildet sind. Bildung ist damit Arbeit an der Demokratie! Bildung ist Pflicht in einer Demokratie, sagt Popper. Sonst wird es ja den Populisten zu leicht gemacht, die Bürger zu täuschen, genau, was heute vermehrt geschieht.

Wir müssen sie und unsere Mitbürger aufklären, dass die Freiheit auch etwas kostet, nämlich Toleranz gegenüber den anderen, denen ihre Freiheit auch sehr wichtig ist. Das bedingt ein völlig anderes Verständnis von Religion, eines das die Religion nicht todernst nimmt, im wahrsten Sinn des Wortes, ernst genommene Religion ist gefährlich. Das heißt im Klartext: Nicht die Religion an sich ist gefährlich, sondern der Ernstnehmfaktor der Religion: Bild  

Wir reden ja heute noch über Frauenrechte, selbstbestimmtes Lebensende, über Kinderrechte und vieles andere, worüber wir die Menschen aufklären müssen und dazu übergebe ich da Mikro Ronald Bilik,  unserem Vizepräsidenten und Moderator für den Teil 1 des Kongresses.