Freiheit bis zuletzt

Vortrag des Tiroler Journalisten und Autors Alois Schöpf

anlässlich des 1. österreichischen Humanismus-Kongresses

in der Aula des Universitäts-Campus in Wien am 30.11.2019

Wenn ein Buch niemand besprechen möchte, hat der Autor meist etwas falsch gemacht. Es kann allerdings auch sein, dass er genau das Richtige gemacht hat. Letzteres trifft auf mein im Jahre 2015 erschienenes Essay „kultiviert Sterben“ zu. Es entstand in Reaktion auf die Absicht fundamentalistischer katholischer Kreise, ein Verbot der aktiven Sterbehilfe in den Verfassungsrang zu heben, und beschäftigt sich mit den in Österreich geltenden rückständigen Gesetzen, die es verbieten, sein Lebensende selbst zu bestimmen. Und es stellt die aus religiöser Indoktrinierung ableitbaren Beweggründe jener, die aufgrund politisch-karitativer Macht ihren Mitbürgern ein wesentliches Menschenrecht verweigern, als totalitär und inhuman bloß.

Ich bin überzeugt, dass ich in meinem Buch fair und korrekt argumentiere. Gerade das jedoch dürfte der Grund sein, dass meine Überlegungen zum Thema des selbstbestimmten Lebensendes, die für jeden und jede auch in Österreich an sich von höchster Relevanz wären, auf eine derart undurchdringliche Mauer der Ignoranz stießen. In diesem Sinne war das Erscheinen des Buches auch eine soziologische Untersuchung darüber, wie es hierzulande um die Bereitschaft bestellt ist, über den Tod und das ihm vorausgehende Sterben, das derzeit noch weithin in barbarischer Weise einem fiktiven natürlichen Verlauf überantwortet wird, nachzudenken. Als Staat, der sich als fortschrittlich definiert, hat Österreich bisher jedenfalls im Hinblick auf eine Gesetzgebung, die ein humanes Sterben, ich nenne es titelgebend, ein „kultiviertes Sterben“ ermöglicht, kläglich versagt.

Ich habe „kultiviert Sterben“ an alle Nationalratsabgeordneten des österreichischen Parlaments und an alle Tiroler Landtagsabgeordneten geschickt, um von keinem der Politiker und Politikerinnen je die Ausrede zu hören, von der Problematik und den mit ihr einhergehenden tausendfachen Menschenrechtsverletzungen nichts gewusst zu haben. Ich habe auf mehr als 250 versandte Bücher fünf Antworten bzw. Dankesschreiben erhalten und bin überzeugt, dass das Buch von den allermeisten im nächsten Papiercontainer entsorgt wurde. Unsere politische Elite ist nicht bereit, sich mit dem Thema des Sterbens auseinanderzusetzen. Dies gilt auch für meine journalistischen Kollegen, die, sofern sie noch jung sind, der Ansicht zuneigen, dass das Thema für sie noch nicht relevant genug ist, oder die, sofern sie bereits ein Alter mit zunehmender Todesbedrohung erreicht haben, der Ansicht zuneigen, man könne nicht in dieser Art und Weise mit der katholischen Kirche umspringen, wie ich es notwendigerweise getan habe.

Damit jedoch bin ich beim ersten jener zwei wesentlichen Aspekte, mit denen ich mich in meinem Vortrag beschäftigen möchte. Das Thema Sterbehilfe wird nämlich nicht nur deshalb ignoriert, weil es weder in die hedonistische Eventkultur unserer Gesellschaft noch in die Hypererregung des medialen Infotainments passt. Es wird auch ignoriert, weil mit dem Nachdenken über die Freiheit, den Zeitpunkt und die Art und Weise des eigenen Endes selbst zu bestimmen, unweigerlich ein metaphysischer Paradigmenwechsel einhergeht. Bevor ich auf dieses religionspathologische Problem eingehe, möchte ich kurz Argumente ansprechen, die zwecks erfolgreicher Abwehr des Themas Sterbehilfe besonders oft angewendet werden.

Zur Verdeutlichung erlaube ich mir vier Fälle aus meinem persönlichen Bekannten und Freundeskreis voranzustellen, die in für unser Land beschämenden Weise die Möglichkeit in Anspruch nahmen, in der benachbarten Schweiz das Recht auf „Freiheit bis zuletzt“ zu realisieren. Es war dies zum einen die Primaria der Kinderchirurgie am Universitätsklinikum in Innsbruck, die nach dem Wiederaufflammen einer Brustkrebserkrankung in der Schweiz aus dem Leben schied. Dies hatte bei ihrem Begräbnis zur Folge, dass sämtliche Grabreden sich weniger mit ihrem verdienstvollen beruflichen Wirken, als vielmehr in blankem Entsetzen mit der Frage beschäftigten, wie sie nur tun konnte, was sie getan hatte. Ebenso möchte ich den Tod des bekannten Schauspielers und Kommunalpolitikers Herbert Fux in Erinnerung rufen, der über seinen Weg zum selbstbestimmten Lebensende ein Buch hinterließ und dessen Frau nach Bekanntwerden seines Todes in ihrer Wohnung in Salzburg von der Polizei aufgesucht wurde, um festzustellen, ob sie sich nicht durch die Begleitung ihres Gatten strafbarer Mittäterschaft schuldig gemacht habe. Kurt wiederum, an ALS erkrankt, wartete, bis seine geliebte Cousine und Jugendfreundin endlich Zeit fand, ihn in der Schweiz ein letztes Mal zu besuchen. Einen Tag später beendete er unter Zuhilfenahme der Sterbehilfeorganisation „Exit“ sein Leben. Zuletzt sei noch einer Freundin aus meinem engsten Bekanntenkreis gedacht, welche die Bedrohung durch eine lauernde chronische Krankheit nicht mehr zu ertragen gewillt war und die Dienste von Dignitas in Anspruch nahm.

Von all diesen Personen konnte keiner einzigen das Mäntelchen einer psychiatrischen Störung umgehängt werden. Ihr Handeln war vielmehr bewundernswert, tapfer, souverän und in einer Weise rational, dass es außerhalb ihres verständnisvollen Bekanntenkreises zu großen Irritationen führte. Der einfachste Weg, Sterbehilfe zu verweigern, besteht nämlich immer noch darin, all jene, die sie in Anspruch nehmen, für verrückt zu erklären. Wobei sich allerdings langsam auch in Österreich das Gerücht herumzusprechen scheint, dass es durchaus triftige Gründe geben kann, nicht mehr weiterleben zu wollen. Dieser Einsicht in Leidensperspektiven, welche ein weiteres Leben unattraktiv erscheinen lassen, wird von der Hospizbewegung systematisch mit dem Argument begegnet, dass dort, wo die Palliativmedizin erfolgreich angewendet werde, sich das Problem des Selbstmords, wie das selbstbestimmte Lebensende aus taktischen Gründen oftmals brutal disqualifiziert wird, erübrigen würde. Das ist selbstverständlich paternalistischer Unsinn, der sich offenbar seiner eigenen zynischen Abgründe nicht bewusst ist. Österreichweit ist nämlich eine ausreichende Versorgung mit Palliativmaßnahmen noch lange nicht gegeben.

Ergänzt werden solche Psychiatrisierungsversuche und Lügen über die umfassende Problemlösungskapazität der Palliativmedizin durch immer wieder aufflammende Gerüchte über flagrante Missbrauchsfälle in all jenen Ländern, in denen die Sterbehilfe seit Jahren gesetzlich geregelt ist. So konfrontierte mich bei einer Diskussion in Innsbruck einer der Besucher, ein in der Tiroler Hospizbewegung tätiger Rechtsanwalt, mit der Bemerkung, dass ihm ein niederländischer Freund glaubhaft versichert habe, dass etwa  ein Drittel der in den Niederlanden durchgeführten Sterbehilfefälle gegen den Willen der Betroffenen durchgeführt würden. Ich konnte auf diese Unverfrorenheit nur noch mit der Frage reagieren, warum sein Freund oder er, wenn sie schon von solchen Massenmorden Kenntnis besäßen, nicht schon längst ihrer Pflicht nachgekommen seien, als Mitwisser Anzeige zu erstatten. Im Gegensatz zu solchen und ähnlichen Behauptungen fundamentalistischer Kreise, die das Geschäft des Sterbens für die Caritas langfristig abzusichern versuchen, funktioniert im Rechtsstaat Niederlande die Sterbehilfe inklusive ihrer ärztlichen und rechtlichen Absicherungen bald seit Jahrzehnten. Sie wird von immer mehr Personen, derzeit etwa 6000 pro Jahr, in Anspruch genommen und wurde weder von rechten noch von linken Regierungen jemals in Frage gestellt.

Womit wir bei der Frage angelangt sind, weshalb eine Liberalisierung der Sterbehilfe hierzulande ganz im Gegensatz zur pragmatisch denkenden Bevölkerung, die entsprechenden gesetzlichen Maßnahmen zu 60 % zustimmen würde, gerade bei den politischen und medialen Eliten auf solche Ablehnung stößt. Nach Jahren, in denen ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass den meisten Denkblockaden bei genauem Hinschauen zuletzt eine Mischung aus eitler Selbstüberschätzung, in seiner Großartigkeit unsterblich sein zu müssen, und tiefsitzender religiöser Indoktrination zugrunde liegt. Es ist das Versprechen eines ewigen Lebens in einem unendlich währenden Jenseits! Und es ist das einen solchen Wunsch zwangsläufig ergänzende Bekenntnis zu einem steinzeitlichen, allen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechenden Animismus, wonach die menschliche Seele nicht nur als vom Leib losgelöste eigene Entität, als ein Selbst zu verstehen sei, sondern auch als unsterbliches Momentum von Gott bei der Zeugung eingehaucht und von Gott beim Tod vom Leibe wieder losgelöst wird. Ein Prozess, in den der Mensch nicht eingreifen dürfe.

Dieses in den meisten Fällen geheim zu Grunde liegende Märchen erzwingt die Fiktion eines sogenannten natürlichen Todes, der den Anschein zu erwecken hat, Übermenschliches und Außermenschliches und nicht der naturwissenschaftliche Erkenntnisfortschritt bestimme das Ende des Lebens. Eine Groteske, wenn man bedenkt, in welch erfolgreichem Ausmaß es längst gelungen ist, durch medizinische und pharmakologische Interventionen dieses angeblich natürliche Ende hinauszuzögern und wie sehr durch ideologisch verblasene und von ihr Fachgebiet arrogant überschreitenden Medizinern dadurch aus angeblich humanen Gründen in Wahrheit unmenschliche Qualen und Entwürdigungen durch unfreiwillige Lebensverlängerung verursacht werden. Und dies an Personen, die durch ihren Tod nicht mehr die Chance haben, als lautstarke Bürgerinitiative aus dem Jenseits zurückzukehren, um sich darüber zu beschweren, was man ihnen angetan hat, oder gar gegen ihre Folterknechte in weißen Kitteln gerichtlich vorzugehen.

Der Grund, weshalb im katholischen Österreich die Debatte über Sterbehilfe schlicht und einfach verweigert wird, liegt also vor allem in frühkindlicher religiöser Indoktrination, was erneut bestätigt, was für ein Verbrechen die Taufe von Säuglingen und die Hereinnahme des Religionsunterrichts und religiöser Riten in die staatlichen Schulen darstellt. Und es bestätigt, dass der Streit um den Wahrheitsgehalt von Religion durch all jene, die sich aus den Verstrickungen des Aberglaubens befreit haben, endlich aufgenommen werden muss und dass das, nach Kant, in Feigheit und Faulheit begründete, als Toleranz beschönigte Schweigen ein Ende haben muss. Entsprechend habe ich einen Teil meines Buches der Frage gewidmet, wie es in einer Zeit, in der uns Weltraumteleskope die Unendlichkeit des Weltalls erschließen und Wissenschaftler für die Entdeckung von Exoplaneten den Nobelpreis bekommen, noch der Glaube legitim sein kann, nahöstliche Wüstengottheiten inklusive ihrer Söhne und Propheten seien imstande, Antworten auf die Fragen zu geben: Woher kommen wir? Wer wir sind wir? Wohin gehen wir?

Abgesehen vom unangenehmen Thema des Sterbens selbst dürfte die These des Buches, dass man nur religiös und, auf die österreichischen Machtverhältnisse bezogen, nur katholisch sein könne, wenn man sich für einen Verrat an der Vernunft entscheide, doch die meisten in ihrer Radikalität verschreckt haben. Dennoch ist es so: Gläubige sind Verräter an der menschlichen Vernunft. Der Lohn ihres Verrats ist zwar das schlecht durchdachte Märchen vom ewigen Fortleben der eigenen Bedeutungslosigkeit, zugleich jedoch, aber auch die Gefahr eines dadurch eingehandelten qualvollen Todes, und zwar nicht nur für die Gläubigen selbst, sondern leider auch für viele ihrer unbeteiligten Mitbürger.

In säkulareren Ländern wie Österreich, in denen eine Ablehnung der Sterbehilfe aus religiösen Gründen nur noch Kopfschütteln hervorruft, wurde inzwischen der unanzweifelbare Gott durch die unanzweifelbaren Menschenrechte ersetzt, für die selbstverständlich ebenso gilt, was Ludwig Feuerbach von Gott sagt: dass sie Fiktionen des Menschen sind. Aus dem Recht auf Leben, das ein zentraler Bestandteil der Menschenwürde ist, wird das Unrecht auf Sterben deduziert und in kühner Logik die Menschenwürde auch dann noch behauptet, wenn sie als souveräner Wunsch von Leidenden, nicht mehr leiden und leben zu wollen, per Obrigkeitsbeschluss abgeschafft ist.

Es fehlt an dieser Stelle sowohl die Zeit, eine ethische Debatte abseits von religiösen Implikationen darüber zu führen, ob Sterbehilfe aus innerweltlicher Sicht und unter welchen Umständen moralisch vertretbar ist. Sie ist aber auch nicht vonnöten, denn sie wurde längst in Ländern geführt, für die Österreich als Idylle des Rückschritts eine begehrte Tourismusdestination darstellt. Ich erlaube mir hier lediglich auf das im Reclam-Verlag erschienene Werk „Praktische Ethik“ des international renommierten Philosophen Peter Singer hinzuweisen, ein Kompendium faszinierend korrekt durchargumentierter säkularer Ethik, das jedem und jeder gerade im katholischen Österreich geläufig sein sollte. Sind wir doch ein Land, in dem die Moral noch immer Theologen überlassen wird, die bereits durch die Berufswahl ihre Denkunfähigkeit bewiesen haben.

Bevor ich meine Überlegungen mit einem sehr einfachen Rechenbeispiel und einem konkreten politischen Vorschlag abschließe, möchte ich aus Gründen der Fairness auf einen im Stillen von der letzten Regierung durchgesetzten, wesentlichen Fortschritt im neuen Ärztegesetz hinweisen. Immerhin wurde durch den einfachen Satz, dass es zulässig sei – ich zitiere- „im Rahmen palliativmedizinischer Indikationen Maßnahmen zu setzen, deren Nutzen zur Linderung schwerster Schmerzen und Qualen im Verhältnis zum Risiko einer Beschleunigung des Verlusts vitaler Lebensfunktionen überwiegt“ ein Paradigmenwechsel vollzogen. Die Gefahr, dass Ärzte plötzlich als Mörder dastehen, wenn sie es aus Mitleid riskieren, durch die Verabreichung von Schmerzmitteln das Leben ihrer Patienten zu verkürzen, ist somit aus der Welt geschafft. Mein Dank gilt hier besonders der von den Medien oft belächelten ehemaligen Gesundheitsministerin Beate Hartinger-Klein.

Diesem kleinen Fortschritt in Sachen Humanität steht immer noch die Tatsache tausendfacher Menschenrechtsverletzungen im Hinblick auf ein selbstbestimmtes Lebensende gegenüber. So nehmen in den liberalen Niederlanden, wie schon angedeutet, über sechstausend Personen pro Jahr aktive Sterbehilfe in Anspruch. Auf Österreich umgerechnet bedeutet dies mit etwa der Hälfte der Bevölkerung, dass aufgrund weltanschaulicher Totalitarismen jährlich über dreitausend Personen das Recht verwehrt wird, ihr Lebensende selbst zu bestimmen, wobei den Gebildeten und Begüterten immer noch die Hoffnung bleibt, in die nahe Schweiz zu fahren, um dort die Dienste von „Dignitas“ oder „Exit“ in Anspruch zu nehmen. Über 3000 Menschenrechtsverletzungen pro Jahr! Warum spricht darüber niemand? Wo bleibt in diesem Fall die Hysterie der Medien, die oftmals schon bei einer einzigen, angeblichen und nicht wie im vorliegenden Fall tatsächlichen Menschenrechtsverletzung den Staatsnotstand ausrufen? Ist es nicht beschämend für ein Land, seine feigen Politiker, seine denkfaule Bevölkerung und eine opportunistische Ärzteschaft, wenn Bürger ins Ausland flüchten müssen, um ihre Menschenwürde vor der Inhumanität der Gesetzgebung und des mit Steuergeldern reichlich gefütterten Gesundheitssystems zu retten? Steuergelder, für die eine Bevölkerung aufkommt, die schon längst mehrheitlich für die Einführung von gesetzlichen Rahmenbedingungen eintritt, die ein humanes, ein kultiviertes Sterben ermöglichen würden.

Wäre nicht dieser 1. Humanismus-Kongress eine gute Gelegenheit, hier zumindest einen Grundsatzbeschluss für die Durchführung eines Volksbegehrens zu fällen, das unsere Parlamentarier auffordert, mit den gesetzlichen Bestimmungen der Niederlande vergleichbare Maßnahmen auch in Österreich zu beschließen? Wäre es nicht sinnvoll, unter dem Titel „Freiheit bis zuletzt“ eine Abänderung des § 78 StGB dahingehend zu fordern, dass die Strafbarkeit der Beihilfe zum Suizid in Fällen ausgesetzt wird, in denen geschäftsfähige Bürger, notariell beglaubigt und bestätigt durch zwei voneinander unabhängige ärztliche Gutachten beschließen, aufgrund großer physischer und seelischer Schmerzen, eines aussichtslosen Krankheitsverlauf oder Alterungsprozess beschließen, ihr Leben mit professionellen Beistand zu beenden?

Alois Schöpf, November 2019