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Am 19 Juli erschien ein neuer Artikel bei der Richard Dawkins Foundation für Vernunft und Wissenschaft, geschrieben von unserem Beirat Prof. Uwe Lehnert, den ich mit Einverständnis Uwes hier teilen möchte.


Wir alle kennen, zumindest vom Hörensagen, das sogenannte kirchliche Glaubensbekenntnis. Es beginnt bekanntlich mit den Worten, wobei sich die verschiedenen Fassungen nur unwesentlich voneinander unterscheiden:

»Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben, . . .«

Gelegentlich kommt man ja in die Situation, mit diesem »Credo« – wörtlich: Ich glaube – konfrontiert zu werden, wenn man zum Beispiel aufgrund einer Beerdigung an einem christlich-kirchlichen Gottesdienst teilnimmt. Als nichtreligiöser Mensch schweigt man dann und macht sich vielleicht seine »ketzerischen« Gedanken. Denn wer sich vom christlichen Glauben gelöst hat und eine nichtreligiöse Weltanschauung vertritt, kann solche Worte nicht mit Überzeugung mitsprechen.

Dr. Gerhard Engelmayer, studierte Physik und Chemie und war beruflich in der Chemie-Industrie tätig. Im Jahr 2012 wurde er Vorsitzender des Freidenkerbundes Österreich, er war bis 2022 Präsident des 1947 aus dem Freidenkerbund hervorgegangenen Humanistischen Verbands Österreich. Einem deutschen Publikum wurde er u.a. durch sein Buch »Warum man seine Kinder nicht taufen lassen sollte« bekannt.

Er war der Erste und soweit ich sehe, war er bisher der Einzige, der sich Gedanken machte, wie ein solches Bekenntnis aus dem Mund eines Nichtgläubigen lauten könnte. Er nannte es folgerichtig nicht Credo sondern »Scio« – wörtlich: Ich weiß. Es ist in einer ersten Fassung veröffentlich worden in der 6. Auflage meines nachberuflich verfassten Buches »Warum ich kein Christ sein will«.

Hier die inzwischen modifizierten und ergänzten Überlegungen von Gerhard Engelmayer, genannt: »Unser Scio«:

Wir wissen, dass unser Wissen nur Stückwerk ist und dass es morgen durch besseres Wissen ersetzt wird. Wir wissen, dass es einfacher ist, an etwas Absolutes zu glauben, aber genau das trennt uns Menschen. Die Kraft der Vernunft verbindet uns Menschen. Für uns steht die Würde des Menschen im Mittelpunkt und bedarf keiner Rechtfertigung.

Wir wissen, dass der Mensch nicht geschaffen ist, sondern dass er sich entwickelt hat und dass er am Anfang seiner Evolution steht und dass sein Leiden mit diesen Geburtswehen zu tun hat und dass es ein besseres Leben geben kann, wenn wir gemeinsam an dieser Entwicklung arbeiten und mehr und mehr über uns und die Welt wissen und uns weniger auf andere als auf uns selbst verlassen.

Wir wissen, dass wir dieses Ziel nur erreichen, wenn wir als Menschen gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt fair und verantwortlich handeln und denken. Wir wissen, dass wir als Menschen zusammenhalten müssen und uns nicht als Gegner verstehen dürfen. Wir wissen, dass wir uns nicht vom Aberglauben, sondern vom kritischen Verstand leiten lassen müssen, wenn wir der Wahrheit nahekommen wollen.

Wir wissen, dass wir Sieger sind, weil es uns gelungen ist, überhaupt ins Leben zu kommen und weil wir den Sternenhimmel jetzt bewundern dürfen und dass wir von der aufregenden Anstrengung des Lebens einmal erlöst werden und davor keine Angst haben müssen.

Alle unsere Handlungen sollen von dem Wissen getragen sein, dass wir unsere Zeit gut nützen müssen und dass wir die höchste Stufe der Existenz erreichen, wenn wir andere Menschen lieben und von anderen geliebt werden. Diese Worte kommen aus meinem Herzen.

Als Gerhard Engelmayer mir sein »Scio« zuschickte, war ich sofort sehr angetan von seinem weltanschaulichen Bekenntnis und zugleich überrascht, dass bisher niemand auf die Idee gekommen ist, die Ansichten und Erkenntnisse eines nichtreligiösen Menschen so verständlich und prägnant in eine sprechbare Fassung zu bringen. Schließlich sind wir überzeugt davon, dass Religionen einem modernen und aufgeklärten Menschen keine Wegweisung mehr für das Leben darstellen und keinen Trost in Not und Verzweiflung bieten.

Wir sind im Gegenteil mit guten Gründen der Auffassung, dass Logik und Erfahrung sowie die Erkenntnisse heutiger (Natur-)Wissenschaft ein realistischeres und damit ein menschengemäßeres Bild von der Wirklichkeit anbieten. Insofern empfinde ich Engelmayers Scio als eine besonders zu würdigende Leistung im Sinne der Begründung und Verbreitung einer Weltanschauung, die mit jener aus der Bronzezeit stammenden Sicht auf Welt und Gott absolut nicht vereinbar ist.

Zunächst hatte ich die Absicht Engelmayers Scio an der einen oder anderen Stelle zu ergänzen oder zu modifizieren. Ich habe davon Abstand genommen, weil es ein Eingriff in eine abgerundete Komposition von Gedanken darstellen würde. Ich habe mir stattdessen einen eigenen Entwurf überlegt, der mit völlig anderen Worten eigentlich das Gleiche ausdrücken möchte.

Hier ist mein Textvorschlag, genannt »Scio«:

»Ich weiß, dass die Vernunft die beste Möglichkeit bietet, sich in dieser Welt zu orientieren. Ich weiß auch, dass ich vieles nicht weiß, deshalb ist der gedankliche Austausch mit meinen Mitmenschen wichtig und notwendig.

Ich weiß, dass die systematisch arbeitenden Wissenschaften, insbesondere die Naturwissenschaften, auch Wirklichkeitswissenschaften genannt, uns wichtige Informationen über uns und die Welt liefern. Ich weiß, dass die Religionen nur behaupten, die Welt erklären zu können.

Ich weiß, dass wir Menschen ein Ergebnis der Evolution sind und nicht »erschaffen« wurden. Die Evolution dauert fort und wird inzwischen in ihrem Ablauf von uns verstanden. Wir können evolutionäre Prozesse zu unserem Nutzen steuern, aber wissen um unsere diesbezügliche Verantwortung.

Ich weiß, dass Moral sich evolutionär entwickelt hat und nicht von Gott und den Religionen kommt. Ich weiß, dass Menschen die Regeln des friedlichen und fairen Zusammenlebens aushandeln können. Die westlichen Verfassungen haben durch die Definition von Menschenrechten eine orientierende Basis für ein friedliches und faires Zusammenleben geschaffen.

Ich weiß, dass wir den Sinn des Lebens nur hier auf Erden finden werden. Jeder Mensch hat daher das Recht, selbstbestimmt, aber mit Blick auf die Rechte seiner Mitmenschen, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Ich weiß, dass Religionen, solange man an ihre Versprechen glaubt, Trost schenken können. Ich weiß, dass inzwischen immer weniger Menschen »glauben« können. Ich weiß auch, dass Religionen in der Vergangenheit bis heute für unendlich viel Leid verantwortlich sind. Deshalb muss die Überwindung der Religionen das Ziel aller Aufklärung sein.«

Vielleicht ließe sich eine Kombination oder Zusammenfassung aus beiden Texten bilden. Aber warum sollte es nicht mehrere Fassungen eines weltanschaulichen Bekenntnisses geben? Denn schließlich wollen wir Nichtreligiöse keine »Kirche« bilden, die kraft ihrer Autorität ihre Mitglieder in ihrem Denken und Sprechen festlegen möchte.

Dass ein solches konforme Denken den Kirchen und anderen Religionen in den durch Wissenschaft aufgeklärten und gebildeteren Ländern erfreulicherweise immer weniger gelingt, kann jeder täglich erfahren.

Wer einen eigenen Vorschlag für ein Scio hat, kann ihn gerne als Kommentar präsentieren.

Univ.-Prof. Dr. Uwe Lehnert ist emeritierter Professor für Bildungsinformatik und Bildungsorganisation, der an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie tätig war, und ist im Beirat des Humanistischen Verband Österreich.

Bekannt geworden ist er vor allem durch sein Buch „Warum ich kein Christ sein will“. Im Oktober 2018 erschien die 7., vollst. überarb. Auflage, Hardcover, 490  S. im Tectum-Verlag Baden-Baden (innerhalb der Nomos Verlagsgesellschaft).

Webseite: http://warum-ich-kein-christ-sein-will.de/

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