Artikel in der “Wiener Zeitung” vom 4.10.19
Jeden Tag liest man in der Zeitung von unserem säkularen Staat. Das stimmt auch auf dem Papier. In der Praxis sieht die Sache anders aus. Bei offiziellen Anlässen nimmt der Kardinal meist die dritte Stelle im Protokoll ein. In den staatlichen Schulen dürfen anerkannte Religionen ihren Nachwuchs rekrutieren. Dabei hat Religion dort eigentlich gar nichts verloren, ein Relikt der Kirche-Staat-Union aus autoritärer Zeit zwingt uns dazu. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk diktiert dieser Vertrag sogar Sendungen, deren Inhalt die Kirche bestimmt. Angeblich ist das Konkordat unauflöslich, aber welcher Vertrag ist das schon, wenn die Vertragsgrundlage zerbröckelt?

Was gesendet wird, geht durch die “kleine Zensur”

Der Humanistische Verband Österreich veranstaltet
am Samstag, 30. November 2019, ab 9 Uhr
den “1. Österreichischen Humanisten-Kongress”Aula am campus der Uni WienAltes AKH, Spitalgasse 2, 1090 WienMehr Info: www.humanisten.at

Anerkannte Religionen sind privilegiert, Nichtreligiöse (säkulare) Bekenntnisse gibt es laut Gesetz einfach nicht. Sogar im erzkatholischen Bayern gibt es “Säkulare Bekenntnisgemeinschaften”. Religiöse Gruppen à la Zeugen Jehovas haben bei uns mehr Rechte als säkulare. Warum? Laut Europarecht sind alle Diskriminierungen – besonders nach der Religion – unzulässig, schon aus diesem Grund ist das Konkordat anfechtbar. Solche Beispiele könnte man ewig fortsetzen, aber niemanden beunruhigt das. Die meisten wissen es nicht, und es wird auch totgeschwiegen, denn was gesendet wird, geht durch die “kleine Zensur”: Der Stephansplatz gibt sein Sanctus, er dirigiert schließlich – mittelbar auch aufgrund des Vertrages – eine eigene ORF-Abteilung, die Religionsabteilung. Diese ist laut mehrmaliger Auskunft nicht nur für alle Religionen, sondern auch (Achtung!) für den Atheismus in diesem Land zuständig. Ihr Leiter ist ein ehemaliger Pastoralassistent.

Gerhard Engelmayer ist Vorsitzender des Humanistischen Verbands Österreich (www.humanisten.at), der für effektive Säkularität eintritt, Autor, Blogger und Initiator der Aktion "Ethikunterricht für alle!". - © privat
Gerhard Engelmayer ist Präsident des Humanistischen Verbands Österreich (www.humanisten.at), der für effektive Säkularität eintritt, Autor, Blogger und Initiator der Aktion “Ethikunterricht für alle!”. – © E. Frerk

In Wahlkampfzeiten merkt man, wo die Macht sitzt, denn keine Partei wagt es, vom Pfad religiöser Subordination abzuweichen. Eine Funktionärin meinte jüngst in diesem Zusammenhang: “Nur net anstreifen!” Die Entsäkularisierung in diesem Land hat mittlerweile durch die “Verbetung” des abgetretenen Bundeskanzlers in der Wiener Stadthalle bizarre Ausmaße erreicht. Da wundert es nicht, dass die Religionen nun auch schon das Parlament in Form einer “Gebetsstunde” erobert haben. Geht’s noch?

Das konstante angsterfüllte Starren auf die Kirchen, die sich dank ihrer rechtlichen Stellung medial auch außerhalb des ORF gut vermarkten, quittieren diese mit Gelassenheit. Abgesehen von Fundi-Katholiken sind sich vernünftige und abgeklärte Typen vom Schlage eines Christoph Schönborn über den Niedergang der Kirche im Klaren. Politiker hingegen haben bis heute noch nicht mitbekommen, dass mittlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr religiös ist. 43 Prozent geben an, religiös zu sein, aber an einen Himmel oder an die Hölle glauben nur 14 beziehungsweise 10 Prozent. Offenbar wirkt der Religionsunterricht nur noch bedingt. Bei allen Sparmaßnahmen bleiben konstant die monströsen Gelder an die Kirchen immer außen vor. Darf darüber auch nicht diskutiert werden?

Hinge die Kirche nicht am Dauertropf des Staates, wäre es längst vorbei mit ihr. Muslime lassen sich nicht diskriminieren und rennen den Behörden mit der Forderung nach gleichen Rechten wie die Christen die Türe ein. Daher gibt es die Milliarden an die Kirche in Relation bald auch an die Muslime. Der muslimische Religionsunterricht, der unsere staatlichen Institutionen untergräbt, wird vom Staat bezahlt. Mittlerweile sind es schätzungsweise mehr als 500 Religionslehrer, die auf die Kinder losgelassen werden. Indirekt fördert das Konkordat also den Islam, ja wir produzieren Muslime auf Staatskosten, und das auch mit dem Geld der Konfessionsfreien und Atheisten.