17. NOVEMBER 2020 GASTBEITRAG

Von Andrew Copson, Präsident der Humanists International

Joe Biden erhielt mit rund 80 Millionen soviele Stimmen wie kein anderer US-Präsident vor ihm.

Letzte Woche twitterte ich wie viele andere über die US-Wahl (insbesondere darüber, was für eine Erleichterung es ist, dass der gesetzlose nationalistische Populismus bei der Wahl besiegt wurde – und zwar nicht von den Extremist*innen auf der Gegenseite, sondern von liberalen demokratischen Internationalisten).

Als Antwort kam sofort ein höhnischer Tweet von einem anderen Twitter-Nutzer – einem Christen – und dieser antwortete, ja, wie wunderbar es in der Tat ist, einen Christen im Weißen Haus zu haben (der Katholizismus von Joe Biden ist gut dokumentiert). Ich vermute, dass der Twitterer andeuten wollte, dass ich unwahrscheinlich Anhänger eines religiösen Politikers sei. Nichts könnte mehr danebenliegen!

Was mich interessiert ist nicht die Religion von Politiker*innen, sondern ob sie die richtigen Werte haben, gesetzestreu und in ihrer Politik säkularistisch sind. Biden und Harris sind beide Säkularisten in der amerikanischen Tradition. Ja, Joe Biden ist römisch-katholisch. Aber er ist ein Katholik, der stets die prinzipielle Position vertreten hat, nicht zu versuchen, seine eigenen Werte und Annahmen mittels der Gesetze denen, die sie nicht teilen, aufzuzwingen.

Andrew Copson ist seit 2015 Präsident der Humanists International und seit 2010 Chief Executive der Humanists UK. Foto: privat

Ich denke, es könnte auch weitere Gründe für Humanist*innen (und Säkularist*innen unterschiedlicher Glaubensrichtungen) geben, zu glauben, dass diese Wahl einen Wendepunkt für die Vereinigten Staaten markieren könnte.

Einen Wahlsieg in den Vereinigten Staaten zu erringen, bedeutet traditionell den Aufbau einer Wahlkoalition, die zumindest einige extrem gläubige religiöse Anhänger*innen mit starken Anti-Abtreibungs- und Anti-LGBT-Ansichten umfasst. Aber die politische Polarisierung, die durch parteiische Medien wie Fox News und eine zunehmend aufrührerische politische Rhetorik unterstützt wurde, hat diese Gruppe fast vollständig hinter der republikanischen Partei vereint. Unter Trump haben christliche Nationalist*innen und konservative Kräfte versucht, die Trennung zwischen Staat und Kirche in den USA zu untergraben.

Der Aufstieg der Nichtreligiösen in Amerika hatte ebenfalls tiefgreifende Auswirkungen. Etwa 80 Prozent der nichtreligiösen Amerikaner*innen wählten bei der letzten Wahl die Demokraten, die 40 Prozent der demokratischen Basis ausmachten. Mit der Unterstützung religiöser Progressiver und schwarzer Wähler*innen haben die Demokrat*innen nun eine progressive Koalition, die eine Mehrheit der Amerikaner*innen bildet. Wo früher Demokrat*innen aufpassen mussten, die Unterstützung von Buchstabengläubigen bei Themen wie gleichgeschlechtlichen Ehen und Abtreibung nicht zu verlieren, könnten die Leute um Biden sich frei fühlen, sie einfach zu ignorieren. Das geht deutlich genug aus seiner Siegesrede hervor, in der er schwulen, lesbischen, bisexuellen und transsexuellen Amerikaner*innen für ihre Stimmen dankte.

Statistiken untermauern die Vorstellung von einer pluralistischeren demokratischen Basis. Trump, dessen persönliches Verhalten vor einigen Jahren viele konservative Christ*innen abgestoßen hätte, gewann unter allen christlichen Konfessionen – den evangelikalen und protestantischen und knapp unter den katholischen. Im Gegensatz dazu gewann Biden – und mit großem Vorsprung – die Unterstützung der jüdischen, muslimischen und nichtreligiösen Amerikaner*innen.

Quelle: NPR

Aber unter den Nichtreligiösen gewann er am meisten, und das ist eine gute Nachricht. Obwohl Säkularität allen zugutekommt und Anhänger*innen sowohl mit religiösen als auch nichtreligiösen Weltanschauungen hat, wird er zweifellos von den Nichtreligiösen stärker unterstützt, und als wachsende demographische Gruppe in den USA werden immer mehr Politiker*innen ihre Unterstützung benötigen.Der Text ist zuerst erschienen in seinem Blog: andrewcopson.com

Es ist klar, dass Biden beabsichtigt, die Interessen der Amerikaner*innen aller Religionen oder Glaubensrichtungen zu vertreten, anstatt eine enge Vision von „Religionsfreiheit“ zu verankern, die eine bestimmte Religion oder Weltanschauung über andere stellt. In weniger als einer Woche nach dem Wahlsieg machte der President elect seine Unterstützung für die Rückgängigmachung der so genannten „Knebel-Regel“ deutlich; einer Regierungsrichtlinie, die die Finanzierung von Nichtregierungsorganisationen, die als Förderer*innen oder Befürworter*innen der Entkriminalisierung der Abtreibung angesehen werden, aus US-Bundesmitteln blockiert. Auf die Frage nach seiner Haltung zum Schwangerschaftsabbruch im Jahr 2015 erklärte er, dass er zwar persönlich glaube, dass das Leben mit der Empfängnis beginnt, aber: „Was ich nicht zu tun bereit bin ist, anderen Menschen eine präzise Sichtweise aufzuzwingen, wie sie sich aus meinem Glauben ergibt.“ Wie bei diesem, dem giftigsten aller Themen in Amerika, so ist es auch bei den anderen Brennpunktthemen der amerikanischen Säkularität.

Amerika hatte schon immer ein eigenes, ausgeprägtes Aroma der Säkularität, das aus einer verfassungsmäßigen Verpflichtung zur Religionsfreiheit und der Trennung zwischen staatlichen und religiösen Institutionen als Mittel zur Erlangung dieser Freiheit geboren wurde. Ich glaube, dass Biden dafür sorgen wird, dass die USA ihren Idealen gerecht werden, ein Ort zu sein, an dem Menschen aller Religionen und Glaubensrichtungen willkommen, gleichberechtigt und frei sind, ihre Religion oder ihren Glauben nach Belieben auszuüben, doch keiner, wo anderen die nicht geteilten Ansichten aufgezwungen werden.

Humanistischer Verband Österreich