„Die Zeit“ vom 9.1.22
Traditionsabbruch ist in aller Munde. Das Christentum als selbstverständliche Alltagsform der Existenz zieht sich zurück. Auf Kongressen und im Feuilleton wird das Bild des Abbruchs je nach Disposition und Disziplin derer, die ihre Diagramme an die Wand werfen, so beiläufig wie inflationär benutzt. Was aber passiert, wenn tatsächlich die Bagger kommen und eine Sprengladung gezielt den Glockenturm zum Einsturz bringt? Wenn am Heiligen Abend die Glocken zum letzten Mal eine Einladung zum Gebet mit ihren altbekannten Schwingungen im Stadtviertel verteilen? Oder wenn sich die Natur einen Teil des Gebäudes schon längst zurückgeholt hat und Gräser die Stufen in den Gemeindesaal hochkriechen? Der Trend ist wohl nicht mehr abzuwenden: Entwidmungen von Kirchen nehmen zu.

Genaue Zahlen gibt es darüber nicht, weil es kein zentrales Kirchenverlustregister gibt. Vermutlich würden Diagramme auch so wenig helfen wie allgemeine Todeszahlen vor einer Beerdigung. Aber es geht hier dann doch um mehr als um einen bloßen Rückbau irgendeiner Immobilie. Denn das Abrissunternehmen baut schließlich nicht sein Gerät vor irgendeinem Gebäude auf, das sowieso baufällig oder viel zu groß oder einfach nur überflüssig geworden ist.

Für Gemeinden ist es eine Trauererfahrung, die nichts mit dem Bildgedächtnis des Weltkulturerbes zu tun hat – den Domen und Kathedralen, den Kapellen und all den anderen Bauten und ihrer Bedeutung im Laufe der europäischen Geschichte. Manchmal kommt vor einer Entwidmung noch eine Architekturstudentin und murmelt staunend etwas über die verborgene Schönheit der Betonmoderne. Manchmal ordnet ein Lokalhistoriker den Bau in die Entstehung eines Stadtviertels ein. Niemals geht man so ganz, heißt es in einem alten Schlager. Das gilt auch für abgeräumte Kirchenbauten.

Oft trifft es die Gebäude, die mit dem Wachsen der Vorstädte in den Sechziger- und Siebzigerjahren nicht nur die Kirchengeschichte, sondern auch ein Stück der politischen Geschichte der Bundesrepublik erzählen. Doch das alles interessiert die Trauergemeinde nicht. Für sie verbindet sich mit der Kirche, die verschwinden soll, die eigene Familiengeschichte. Taufen, Konfirmationen, Trauungen, Erntedank und Heiliger Abend, unhinterfragte Traditionen und überraschende Erfahrungen mit einer Kirche, der man sich ursprünglich gar nicht nähern wollte – und in der man dann doch einen Lebensmittelpunkt gefunden hat. Kinder sind dort groß und Erwachsene alt geworden.

Der Schmerz über den Verlust dieses Hauses trifft sogar die, die oft schimpfend an ihm vorbeigefahren sind, weil sie sich vom christlichen Glauben ihrer Eltern längst gelöst zu haben glaubten. „Solange die Kirche dort steht, könnte ich jederzeit zurückkommen“, sagt ein Mittvierziger mit Tränen in den Augen. „Außerdem sehe ich, wenn die Kirche von innen leuchtet, dass da noch wer betet und glaubt. Das tröstet mich irgendwie.“ Die Bedeutung eines Kirchenraums geht also ganz offensichtlich nicht allein auf für die, die ihn regelmäßig zum Gottesdienst, für Musik oder für andere Begegnungen nutzen. Er sendet eine Lichtbotschaft nach außen, auch wenn immer weniger Menschen hineinkommen wollen.

Es geht also auch um ein Symbol. Gut evangelisch gesprochen ist eine Kirche nicht viel mehr als ein Dach über dem Kopf einer betenden, feiernden, singenden Gemeinde. Das Gebäude ist nur in diesem Sinne „sakral“. Doch für Menschen ist dieses Dach eben nicht beliebig, so wie die eigenen vier Wände mehr als eine Wohn- und Schlafstätte sind.

Deshalb sind die Entwidmungsgottesdienste für die Gemeinde auch Trauergottesdienste. Mit liturgischer Begleitung zieht sie aus. Mit ihr die Bibel und das Abendmahlsgeschirr, der Taufstein und das Kreuz. Kinder und Alte, Kirchenvorstände und nur lose mit dem Haus Verbundene tragen die Gegenstände durch den Mittelgang.

Wer je einen solchen Gottesdienst erlebt hat, weiß, wie verletzlich die derart Unbehausten sich fühlen, wie intensiv die Traurigkeit ist und wie zaghaft die Zuversicht, dass es in anderer Form weitergeht. Da mag das nächste kluge Gemeindekonzept schon ausgearbeitet sein. Aber es hilft nun mal nichts: Die – kirchengeschichtlich kurze – Zeit ist vorbei, wo alle ein Christenrecht darauf beanspruchten, aus dem Küchenfenster „ihren“ Kirchturm zu sehen. Gemeinden werden sich zusammentun, sie werden neue Formen finden, einander Obdach geben, sie gehen – da kam die Pandemie vielleicht gerade recht – mehr nach draußen, mit Bauwagen und Gottesdiensten an der frischen Luft, zu denen plötzlich auch die kommen, die sich über die Schwelle der Kirche nicht mehr trauten.

Es gibt längst neue Häuser, die in die alten Kirchen gebaut werden, wo nicht abgerissen wird und die Bausubstanz erhalten bleibt. Sich zu verkleinern kann auch wohnlich machen. Es braucht neue Formen des Bauens, zusammen mit der politischen Gemeinde, mit den anderen Konfessionen. Doch erst einmal will der Abbruch durchgestanden, will die Trauer zugestanden werden.

Der Abriss zieht auch Menschen mit spalterischen Absichten an, die mit Plakaten vor der alten Kirche stehen und lauthals schreien: „Abendlandsverräter!“ Doch mit dieser politisch intendierten Wut machen sich die Trauernden nicht gemein.

Sie wissen sehr wohl, dass die Bedeutung ihres Bekenntnisses zu Gott, der sich in Christus zeigt, nicht von der Pracht und Coolness des Hauses abhängt, das Kirche heißt. Doch am Tag, an dem ihre Kirche entwidmet wird, wollen sie einfach an gestern denken, an das, was sie verlieren werden, was von nun an fehlt, wenn die Baugrube da klafft, wo vor Kurzem ihre Kirche stand.

Humanistischer Verband Österreich