Sam Harris über die gegenseitige Glaubensversicherung von Religiösen. “Wenn einer glaubt, er wäre Napoleon, dann ist es verrückt, aber wenn es alle glauben, dann ist es eine Religion”, wie Richard Dawkins es formulierte. Außerdem im Angebot: Eine Anleitung zum Gottesglauben in nur sechs einfachen Schritten.

Vernunft ist ein Zwang, keine Wahl. So wie man sich nicht selbst erschrecken kann, so kann man auch nicht wissentlich an eine These auf Basis schlechter Belege glauben. Wenn Sie das bezweifeln, dann stellen Sie sich einmal vor, folgenden Bericht über einen fehlgeschlagenen Neujahrsvorsatz zu hören:

„Dieses Jahr habe ich mir vorgenommen, vernünftiger zu sein, aber am Ende des Monats Januar bin ich auf meine alte Angewohnheit zurückgefallen, Dinge aus schlechten Gründen zu glauben. Momentan glaube ich, dass Rauchen harmlos ist, dass mein toter Bruder in naher Zukunft ins Leben zurückkehren wird und dass ich dazu auserkoren bin, Angelina Jolie zu heiraten, nur weil ich mich gut fühle, wenn ich das glaube und weil es meinem Leben einen Sinn gibt.“

Unser Verstand funktioniert nicht so. Um an eine These zu glauben, müssen wir auch glauben, dass wir sie glauben, weil sie wahr ist. Auch wenn wir Denkfehler im Nachhinein oft entdecken können, so geschehen sie immer im Dunkeln, außerhalb des Bewussten. In jedem gegenwärtigen Moment hat ein Glaube die begleitende Überzeugung zur Folge, dass wir uns nicht nur etwas vormachen.

Dieser Denkzwang war schon immer ein Problem für die Religion. Da sie von oben bis unten mit unglaublichen Ideen vollgestopft sind, müssen die Weltreligionen einen Weg finden, die Vernunft zu umgehen, ohne sich von ihr zu distanzieren. Das empfohlene Manöver wird allgemein „Glaube“ genannt und es scheint tatsächlich zu funktionieren. Der Glaube überzeugt Menschen davon, ihre Vernunftstandards zu erhalten, während sie diese eigentlich aufgeben. Es gibt natürlich einen mächtigen Drang, nicht zu bemerken, dass man hereingelegt wird, weil man andernfalls dem Betrug entkommen würde. Bekanntermaßen ist es möglich, diese kognitive Gymnastik durch die Gegenwart anderer Selbstbetrüger erheblich zu vereinfachen. Manchmal ist ein ganzes Dorf notwendig, um sich zu belügen.

Zur Unterstützung dieses noblen Unterfangens hat jede Religion einen Schwarzmarkt für Irrationalität erschaffen, wo Gleichgesinnte mit offensichtlich schlechten Gründen für ihre religiösen Überzeugungen handeln können, ohne von Kritik bedroht zu werden. Auch Sie können an diesem Handel von Fehlinformationen und Selbstbetrug teilhaben. Die folgende Methode hat für Millionen funktioniert und sie wird für Sie funktionieren:

Anleitung zum Gottesglauben

Sechs einfache Schritte

1. Erstens müssen Sie an Gott glauben wollen.

2. Als nächstes müssen Sie einsehen, dass es besonders erhaben ist, an Gott zu glauben, weil es keine Belege für seine Existenz gibt.

3. Dann müssen Sie erkennen, dass die menschliche Fähigkeit, an Gott zu glauben, weil es keine Belege für seine Existenz gibt, selbst ein Beleg für Gottes Existenz darstellt.

4. Nun müssen Sie jeden Drang nach weiteren Belegen (sowohl für sich selbst als für andere) als eine Form der Versuchung ansehen, die spirituell ungesund ist und den Intellekt verdirbt.

5. Beziehen Sie sich auf die Schritte 2-4 als Akte des „Glaubens“.

6. Beginnen Sie wieder bei 2.

Es sollte klar sein, dass es sich hier um ein Perpetuum Mobile des Wunschdenkens handelt – und es notwendigerweise zu einer geringeren Selbsterkenntnis und einem verringerten Kontakt mit der Realität führt. Aber es soll angeblich viele Vorteile mit sich bringen und sobald Sie es angeworfen und am Laufen haben, befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Tatsächlich sieht es so aus, als wären Sie niemals wieder einsam.

Viel Spaß!

Übersetzung: Andreas Müller

Quelle: Harris, Sam: Religion as a Black Market for Irrationality. Washingtonpost.com. 27. September 2007