Wer diese Woche in der Wiener Innenstadt unterwegs ist, könnte überrascht feststellen, dass das Parlament, das Bundeskanzleramt und einige Sakralgebäude mit rotem Licht angestrahlt werden. Der Grund ist nicht etwa, dass die KPÖ nach Graz auch in Wien die Regierung angetreten hat, sondern der von den Kirchen ausgerufene „Red Wednesday“.

Zwischen dem 17. und 21. November soll mit der blutroten Beleuchtung auf die „weltweite“ Unterdrückung von Christen aufmerksam gemacht werden. Hinter der Aktion steht „Kirche in Not“, eine missionierende christliche Vereinigung der reichsten Organisation und größten Glaubensgemeinschaft der Welt.

Es gibt auf der Erde zahlreiche Gebiete, in denen Demokratie, öffentliche Sicherheit und Religionsfreiheit nicht gewährleistet sind. In solchen Staaten geht es den Angehörigen aller religiöser Minderheiten schlecht, sie werden unterdrückt, an der Ausübung ihrer Religion gehindert, im schlimmsten Fall ermordet. Das gilt für sunnitische Moslems in schiitischen Gebieten und Schiiten in sunnitischen Gebieten; Hindus in Pakistan und Moslems in Indien; JüdInnen sind in manchen Stadtteilen von Paris nicht mehr sicher. Und auch Christen, die Erfinder des Modells „Religion = Staat“ im Römischen Reich, sind in manchen Ländern Verfolgung ausgesetzt. Teilweise wird ihnen aggressive Missionierung vorgeworfen, was sie je nach Situation von sich weisen — nur um dann gleichzeitig einen Weltmissionsmonat auszurufen. Auch heute zeichnen sie noch Leute dafür aus, dass sie in entlegene Gebiete gehen, dort unkontaktierte Völker mit europäischen Krankheiten anstecken, und ihnen ihre „Ahnenreligion“ ausreden (kultureller Genozid). Dass die Abkehr von der Religion in vielen Fällen mit dem Tod oder zumindest Ausgrenzung auch von der engsten Familie bestraft wird, dass AtheistInnen in manchen US-Bundesstaaten keine öffentlichen Ämter bekleiden dürfen, fällt auch in die Kategorie der religiösen Verfolgung. 

Genaue Statistiken gibt es nicht, und man soll Leid auch nicht gegeneinander aufrechnen, aber die einseitig genannten absoluten Zahlen nur für die Verfolgung der Christen sind angesichts der Tatsache, dass es sich um den größten Anteil an der gesamten Menschheit handelt, ziemlich irrelevant. 

Warum lassen sich die Gesetzgebung und die Regierung Österreichs für die einseitige Propaganda der Christenverfolgung einspannen? Es gibt einen Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer von Gewalthandlungen aufgrund der Religion oder der Weltanschauung, und zwar den 22. August. Sollten Gebäude des säkularen Österreich nicht an diesem Tag beleuchtet werden? Vielleicht mit einer anderen Farbe, etwa Weiß, das sich aus der Vereinigung aller Lichtfarben ergibt, um darauf hinzuweisen, dass alle Religionen und Weltanschauungen Opfer und Täter zugleich sein können? Das wäre ein wesentlich weltoffeneres, völkerverbindenderes und gerechteres Signal als die Verbreitung der einseitigen Christenverfolgungs-Propaganda.

Humanistischer Verband Österreich